Katzenjammer

Müde war er. Nicht nur sein Körper, auch sein Geist wollte Ruhe finden, aber einen Moment würde es noch dauern bis er es konnte. Am Höhepunkt seiner Karriere hatte der Tiger schon einmal ein ähnliches Gefühl gehabt. Damals aber noch viel mehr das Gefühl, sich verirrt zu haben.

Der Tiger konnte sich an seine Kindheit kaum erinnern, aber neben ein paar mehr oder weniger fürsorglichen Menschen, gab es kaum liebevolle Kontakte. Aufgezogen wurde er mit der Flasche in einem Zoo. Als er ausgewachsen war und der Zoo drohte pleite zu gehen, wurde er an einen Zirkus verkauft. An den Transport erinnerte er sich noch gut, zu gut. Halb wach, halb betäubt in der Dunkelheit und im Rhythmus verschiedener Transportmittel, hatte er dem Leben schon auf Wiedersehen gesagt. Als er schließlich in einem kleinen Zwinger erwacht war, hatte er sich gewünscht, er wäre tatsächlich gestorben, vielleicht auch aufgrund des fürchterlichen Katers durch das Betäubungsmittel, das man ihm vor dem Transport verabreicht hatte. Doch er war am Leben und im Nachhinein konnte er sagen: zum Glück. Denn was er dann erlebte, hätte er als Junges noch nicht einmal zu träumen gewagt: Erfolg, Beliebtheit, so viel Futter wie er nur verdauen konnte und auch sonst alles, was man sich so wünschen konnte.

Nach seiner Ankunft im Zirkus lag er jedoch erst einmal auf dem mit Stroh bedeckten Boden. Es war nicht kalt, er hatte ja sein Fell, das ihn wärmte, aber seine Knochen schienen Kälte auszustrahlen. Er hatte keine Motivation aufzustehen und wäre nicht irgendwann das kleine Räuspern ertönt, das sein Leben oder vielleicht sogar seine Seele verändern sollte, hätte die Geschichte an diesem Punkt vielleicht sogar geendet. Aber irgendwann war es da, das Räuspern. Klein und unaufdringlich. Er konnte riechen, dass ein Mensch in der Nähe war und noch mehr: er konnte riechen, dass es ein Kind war, sogar dass es ein Mädchen war und dass es ihm nichts böses wollte. Das Mädchen stand vor den Gitterstäben seines Zwingers und redete mit ihm. Er konnte die Worte nicht verstehen. Noch heute fragt er sich, warum Menschen immer glauben, dass alle Wesen dieselbe Sprache benutzen wie sie, aber er konnte die Ruhe und das Interesse in ihrer Stimme hören. Natürlich interessierte es ihn am Anfang nicht wirklich, er war ja des Lebens müde und Menschen waren, so hatte er es gelernt, vor allem für die Fütterung wichtig und sogar an dieser hatte er das Interesse verloren. Aber im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass es gut tat, das Interesse, die Aufmerksamkeit und vielleicht auch die Wärme, die ihre Präsenz ausstrahlte.

In den nächsten Tagen erholte sich der Tiger langsam von seinen Strapazen und das Mädchen kam immer wieder zu seinem Käfig. Es setze sich an die Gitterstäbe und redete mit ihm. Auch wenn er ihre Worte nicht verstehen konnte, hatte er doch immer mehr das Gefühl, dass er sie verstand. Umso kräftiger der Tiger wurde, desto mehr wurde er auch ins Training des Zirkus aufgenommen. Er lernte verschiedene Tricks mit Reifen und Leitern und vor allem, zum richtigen Zeitpunkt zu brüllen, das gab der Nummer erst den richtigen Biss. Bei seinem ersten Auftritt war er noch sehr nervös, hatte sich ein paar Mal im Lauftakt vertreten und fast vergessen, zum Schluss noch einmal ordentlich zu brüllen. Aber alle im Zirkus schienen ganz zufrieden mit ihm zu sein und abends brachte ihm sein Mädchen eine extra große Portion Futter, die ihr Vater, der Dompteur, vorbereitet hatte. Und so war auch der Tiger größtenteils zufrieden mit sich. Mit der Zeit wurden der Tiger und das Mädchen so vertraut, dass es nicht mehr vor dem Gitter blieb, sondern zu ihm in den Käfig kam. Wenn es ihre Eltern nicht bemerkten, schlich sie sich sogar nachts in seinen Käfig und kuschelte sich an seine wärmende Seite. So gingen die Tage dahin und seine Auftritte wurden immer professioneller. Manchmal erschreckte er sich mit seinem Brüllen fast selbst, dann war es in der Regel eine besonders gelungene Vorstellung. Und im Nachhinein betrachtet, hätte es am besten so weitergehen sollen, doch sein Leben sollte sich erneut verändern.

Der Tiger hatte selten die Zeit während seiner Auftritte das Publikum zu beobachten, wenn er es tat, erschienen ihm die Gäste immer etwas seltsam. Eigentlich immer dabei waren: Eltern, die ihre vorlauten und hyperaktiven Kinder nicht im Griff hatten, dicke Hintern die ungeduldig auf den Bänken hin und her rutschten und abwesende Gesichter, die vermutlich am liebsten mit einer Fernbedienung weiter gezappt hätten, um sich nicht zu lange auf eine Realität festlegen zu müssen. Aber ein so seltsames Paar wie an diesem Abend hatte der Tiger noch nie gesehen. In ihren Smokings erschienen sie neben den anderen Gästen vollkommen overdressed und dennoch wirkten sie, als hätte man sie, statt in Kleidung, in einen kratzenden Sack gesteckt. Tatsächlich lernte er später, dass die Smokings im Gegensatz zu ihren sonstigen Anzügen und Outfits wirklich so etwas wie Säcke gewesen waren. Sie beobachteten die Darbietung des Tigers zwar interessiert, aber er vermisste die Aufregung, die er sonst bei Zuschauern bewirkte. Vielleicht auch davon angestachelt, war seine Show an diesem Abend besonders gut gewesen. Er hatte jeden Sprung in voller Eleganz absolviert und seine Brüller gehörten definitiv zu den TopTen seiner bisherigen Karriere. Doch die beiden Smoking-Typen applaudierten noch nicht einmal. Das frustrierte den Tiger sehr. Aber eine große Portion Futter und seine kleine Freundin brachten ihn auch schnell wieder zur Ruhe. Was er damals nicht wusste, war, dass es sich bei den beiden Besuchern um Show-Magier handelte, die sich nach einer neuen Raubkatze als Attraktion in ihrer Show umsahen. Dem Zirkus ging es zu diesem Zeitpunkt finanziell nicht gut und so nahm der Direktor den Handel dankend an und verkaufte den Tiger an die beiden Magier.

Auch jetzt noch, da er so zurückblickte, hatte der Tiger Tränen der Wut in den Augen, wenn er an das Blasrohr mit dem Betäubungspfeil dachte. Er erkannte es sofort aus seiner ersten Erfahrung, doch auch bei diesem zweiten Mal gab es kein Entkommen und kein Versteck, er konnte im Käfig so viel hin und her springen wie er wollte, angreifen konnte er seine Entführer durch die Gitterstäbe nicht. Und so landete er erneut in der Dunkelheit und in dem Geschüttel verschiedener Transportmittel, doch das Erwachen war diesmal anders.

Zum Einen lag er nicht auf kaltem, stroh bedeckten Boden, sondern auf dem wärmsten und flauschigsten Untergrund, den der Tiger je gespürt hatte. Und auch um ihn herum war Platz, mehr Platz als je zuvor. Irgendwo waren zwar Gitter und Wände, aber sein Käfig war riesig und voll mit Sachen, die, wie er im Nachhinein wusste, zum Spielen und Klettern für ihn gedacht waren. Er erholte sich schnell von den Strapazen seiner Reise, auch wenn er seine kleine Freundin vermisste, besonders oft in der Nacht. Es blieb ihm jedoch kaum Zeit darüber nachzudenken, denn sein Training begann bereits am nächsten Tag. Er musste viele neue Tricks lernen und hatte auch sehr bald die ersten Auftritte. Wenn er das Gefühl hatte, er konnte endlich alle Tricks, lernte er schon wieder neue und auch die Auftritte nahmen nach kurzer Zeit zu. Am Anfang versuchte der Tiger einfach irgendwie mitzukommen, aber wenn er ehrlich war, gefiel ihm der Applaus und die viele Aufmerksamkeit schon sehr gut. Und so strengte er sich immer mehr an, versuchte seine Leistung immer noch mehr zu verbessern. Irgendwann kamen zu den vielen Fotoblitzlichtern in den Vorstellungen auch noch Fototermine und Videoaufnahmen hinzu. Er bekam hin und wieder sogar Damenbesuch und das Futter war immer nur vom Feinsten. Trotz der vielen Vorzüge, wurden die Auftritte und die vielen Erwartungen an ihn anstrengend. Je mehr er leistete, je mehr Erfolg er hatte, je mehr Verantwortung, umso müder und gereizter wurde er. Oft versuchte er sich vor Auftritten mit Katzenminze wieder fit zu machen, aber auf Dauer tat das seiner Nase nicht gut und sie schmerzte.

Und dann kam dieser Tag. Dieser Tag, den er, wenn er einen Wunsch frei hätte, aus seinem Leben gestrichen hätte. Der Tiger war an Besuch gewöhnt, am Anfang hatte er sich über jeden gefreut. Doch seit ihm alles immer mehr auf die Nerven ging, stellte er sich oft schlafend, wenn jemand zu ihm kam. Die Wärter wussten das nach einer Weile und schickten die Besucher trotzdem herein, manchmal vertrieb er sie dann mit schlechter Laune und lautem Gebrüll. Er hatte seine Vergangenheit im Zirkus bei all der Aufregung fast völlig vergessen und so dachte er nicht, dass sie es sein könnte, die da in seinen Käfig geschoben wurde. Er war gerade von seinem Nachmittagsschlaf erwacht und hatte noch ganz verschwommene Sicht, jedenfalls wollte er das so gerne glauben oder irgendetwas anderes, das ihn weniger als Monster dastehen ließ. Eigentlich wusste der Tiger gar nicht mehr so genau was passiert war, aber als er zu sich kam, nach viel Gebrüll und ein paar kaum ernst gemeinten Tatzenhieben in die Richtung seines Besuchs, erkannte er sie. Er sah zwar ihr Gesicht nicht, wie sie sich da voller Angst an der Wand zusammengekauert hatte, aber er erkannte seine kleine Freundin mit vollkommener Sicherheit. Bevor er seinen Fehler irgendwie wiedergutmachen konnte, war sie schon von den Wärtern nach draußen gebracht worden. Er hörte sie weinen und die Männer leise und beruhigend auf sie einreden, während sie sich immer weiter von seinem Käfig entfernten. Wenn er sich an diesen Moment erinnerte, hatte er ebenfalls immer wieder Tränen in den Augen, in diesem Fall hatten sie aber nichts mit Wut zu tun. Er hatte seine kleine Freundin zwar nicht körperlich verletzt, aber er hatte ihren Blick gesehen, als man sie schnell aus seinem Zwinger brachte. Er hatte sie verletzt und sich nie im Leben so sehr für sich geschämt wie in diesem Moment.

Von diesem Moment an ging auch die Karriere des Tigers bergab. Er konnte sich bei Aufführungen nicht mehr richtig konzentrieren und sein Gebrüll war nicht mehr das, was es mal war. Er schlief viel und hatte keine Lust mehr sein Fell zu pflegen. Schließlich wurde er von den Magiern verkauft. Als die Männer mit dem Blasrohr das dritte Mal zu ihm kamen, hatte er den Kampf schon aufgegeben. Einen kurzen Moment hatte er noch gehofft, dass er wieder zum Zirkus kommen würde, doch als er in dem Zoo, an den man ihn verkauft hatte, angekommen war, beschloss er, sich mit Essen und Schlafen von nun an zufriedenzugeben.

Die Jahre zogen vorbei und nicht viel passierte. Eigentlich war das dem Tiger auch ganz recht, er hatte in seinem Leben genug Aufregung gehabt. Viele Leute kamen zwar vorbei und bestaunten ihn, aber nach einer Weile beachtete er sie gar nicht mehr. Nur wenn sich kleine Mädchen mit warmen Stimmen an sein Gehege drängten, konnte der Tiger nicht anders, als ihnen etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Er schlenderte dann an ihnen vorbei oder blieb manchmal sogar direkt vor ihnen stehen und sah sie an. Doch er brüllte nie wieder.

Am wahrscheinlichsten, würden viele Menschen sagen, wäre es wohl, wenn die Geschichte hier endete. Aber das tat sie nicht, denn es war seine Geschichte und er schrieb sie anders. Denn eines Tages kam eine Schulklasse am Gehege des Tigers vorbei. Das war beileibe nichts Besonderes und der Tiger hätte sie wie alle anderen vermutlich übersehen, wenn er nicht ein Räuspern aus der Gruppe gehört hätte, das ihm sehr bekannt vorkam. Er erkannte sie nicht sofort, deshalb hörte er nur halbherzig hin und hätte nicht just in diesem Moment der Wind gedreht und ihren Geruch an seine Nase geweht, hätte sich der Tiger sich vermutlich einfach wieder hingelegt. Doch genau das tat der Wind und der Tiger streckte die Nase in die Luft. Er riss den Kopf herum und folgte der Fährte und da stand sie. Größer und anders gebaut als er sie in Erinnerung hatte, aber mit den gleichen guten Augen und der gleichen liebenswerten Ausstrahlung wie an jenem Tag vor so langer Zeit, als sie sich im Zirkus fanden. Das Mädchen musterte den Tiger zuerst nachdenklich. Als sie sich schließlich zu beiden Seiten der großen Glasscheibe seines Geheges trafen, schien sich auch das Mädchen immer sicherer zu werden, dass da vor ihr ihr ältester Freund stand. Sie legte ihre Hand an die Scheibe und starrte ihn an. So gerne hätte sie ihm in diesem Moment so viel erzählt. Darüber, wie lange sie aufgewühlt war über ihr Treffen zu seinen Showzeiten. Wie sie schließlich verstanden hatte, dass wir alle auch eine wütende Seite haben, Fehler machen, dass diese uns aber nicht unwürdig aller Liebe machen. Wie sie erst viele Jahre später verstanden hatte, dass sie nichts falsch gemacht, als Kind keine Verantwortung dafür hatte, dass er ihr weggenommen worden war. Und wie sie bis zur Schließung des Zirkus noch gehofft hatte, ihren ältesten Freund wiederzubekommen. Er hätte ihre Worte nicht verstanden, und doch, so hoffte sie, vielleicht würde er all das auch ohne Worte verstehen. Und genau so war es auch. Zwar musste das Mädchen den Tiger an diesem Tag bald wieder verlassen, um mit ihrer Klasse zurück zur Schule zu fahren, doch ab diesem Tag besuchte sie ihn fast täglich und oft erzählte sie ihm Dinge, die er zwar nicht verstand, aber irgendwie doch wusste, was sie meinte. Das Mädchen lernte in dem Zoo ihre erste große Liebe kennen, einen der Tierpfleger. Einmal ließ er sie abends verbotenerweise in das Gehege des Tigers, wo die beiden ein paar ihrer glücklichsten Stunden verbrachten, als sie eine Weile spielten und sich nahe sein konnten, bevor das Mädchen wieder in ihre Welt vor der Glasscheibe zurück musste. Doch auch mit dieser getrennten Zeit waren sie zufrieden. Und der Tiger war glücklich.

Heute aber war der Tiger zudem sehr müde. Eigentlich war er schon seit einigen Tagen so müde. Nicht nur sein Körper, sondern auch sein Geist. All diese Erinnerungen an seine Vergangenheit hatten sich Tag und Nacht durch seine Gedanken gewühlt. Nach und nach, ganz langsam, bekam der Tiger das Gefühl, loslassen zu können. Das Mädchen kam weiterhin zu ihm und als man ihn in eines der hinteren Räume verlegte, dort wo keine Zuschauer hinkamen, besuchte sie ihn weiterhin mit ihrem Wärterfreund. Sie wirkte bedrückter als sonst. Aber nicht wirklich traurig. Sie wusste, was für ein großes Glück die beiden gehabt hatten, sich vor seinem Abschied noch einmal wiederzufinden und auch er war sich dessen bewusst.

Als der Tiger sich schließlich aufmachte, die nächste und letzte große Reise seinen Lebens anzutreten, tat er das mit einem Lächeln, denn Tiger können zwar nicht sprechen aber sie können lächeln. Und auch das Mädchen lächelte, nachdem sie sich am nächsten Morgen bei seinem leblosen Körper von ihm verabschiedet hatte. Sie weinte um ihren ältesten Freund und lächelte für ihre gemeinsame Zeit.